Interview: Erwan Bouroullec über die gemeinsame Sache

Die Brü­der Bou­roul­lec gehö­ren zu den Top­de­si­gnern unse­rer Zeit. DECO HOME sprach mit Erwan Bou­roul­lec (links im Bild) über die erstaun­li­che Fas­zi­na­ti­on für Stüh­le, pro­vo­kan­tes Design, Ikea und den täg­li­chen Streit mit sei­nem Bru­der Ronan.

Es war Giulio Cap­pel­li­ni, der Sie 1997 „ent­deck­te“. Was war das Wich­tigs­te, das Sie von ihm gelernt haben?

Eine bestimm­te Art, posi­tiv zu den­ken. Din­ge aus gutem Grund zu tun.

Ist das in der Design­sze­ne immer leicht: posi­tiv zu denken?

Nein, über­haupt nicht. Die meis­ten Pro­ble­me sind schwer zu lösen. Design braucht viel Logik, ratio­na­les Den­ken. Wir sind immer mit einer Rea­li­tät kon­fron­tiert, die kei­ne opti­ma­len Vor­aus­set­zun­gen bie­tet. Wir alle ver­die­nen es, in einer Welt zu leben, die logisch ist – aber auch schön. Und das erreicht man mit posi­ti­vem Denken.

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Tep­pich „Semis“ für Kvadrat

Wel­che Idee war bis­her am schwie­rigs­ten in die Tat umzusetzen?

Mit Vitra haben wir eini­ge Möbel fürs Büro ent­wor­fen. In die­sem Kon­text muss man sehr vor­sich­tig sein. Es gibt jede Men­ge Richt­li­ni­en zur Ergo­no­mie und Sicher­heit. Klei­ne Räu­me sind meist vol­ler Anspan­nung und Stress. Hin­zu kom­men die Wün­sche von Manage­ment und Ange­stell­ten, die man berück­sich­ti­gen soll­te, für die es aber die eine rich­ti­ge Ant­wort nicht gibt. Man will das per­fek­te Objekt ent­wer­fen, muss sich jedoch damit abfin­den, dass dies in einem sol­chen Mikro­kos­mos von Vor­ga­ben und Ansprü­chen nicht mög­lich ist.

Also ist es für Sie eine Her­aus­for­de­rung, das per­fek­te Arbeits­um­feld zu schaffen.

Ja, genau. In einem Pri­vat­haus­halt herrscht eine grö­ße­re Viel­falt, er ist voll mit Sachen, die sich über Jah­re hin­weg ansam­meln. Im Büro muss das Design sofort pas­sen. Die Men­schen haben weni­ger Frei­heit, per­sön­li­che Din­ge ein­zu­brin­gen, mit denen sie sich wohl­füh­len. Für uns ist also neben Design und Funk­ti­on wich­tig: Was pro­vo­zie­ren die­se Möbel?

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Gibt es auch Designs, die Sie zu pro­vo­kant fin­den und ablehnen?

Zunächst ein­mal müs­sen wir eini­ges ableh­nen, weil wir vie­le Ange­bo­te bekom­men. Wir suchen Unter­neh­men aus, die sich ver­än­dern wol­len, modern sind, nach einem neu­en Ansatz suchen. Meist haben sie eine gute Balan­ce von Qua­li­tät, Tech­no­lo­gie und Preis des End­pro­dukts. Wir leh­nen also immer nur den fal­schen Kon­text ab, kein Objekt. Zudem schei­nen vie­le zu den­ken, dass jeder alles ent­wer­fen kann – etwa ein Archi­tekt ein Auto. Das stimmt aber nicht. Meist füh­len Ron­an und ich es, wenn wir die Fal­schen für einen Auf­trag sind.

Wür­den Sie etwas für Ikea ent­wer­fen, wenn Sie gefragt würden?

Wir hat­ten sogar bereits Kon­takt, ein zwei­tes Tref­fen gab es aller­dings nie. Es käme dar­auf an, was sie uns anbie­ten. Ein schlich­tes Holz­re­gal wür­de ich ger­ne ent­wer­fen, weil das zu den Kern­kom­pe­ten­zen gehört, die Ikea wirk­lich gut macht. Wir haben also nichts gegen nied­ri­ge Prei­se und gro­ße Her­stel­ler wie die­sen. Was ich bei der Mas­sen­in­dus­trie gefähr­lich fin­de: Sie bricht die gel­ten­den Regeln. Wenn die Wirt­schaft eines Lan­des zu sehr davon abhängt, dass die Pro­duk­ti­on wei­ter­läuft, obwohl gera­de kein Bedarf besteht. Wenn durch die Mas­sen­pro­duk­ti­on Qua­li­tät, Tech­no­lo­gie und ent­spre­chen­de Prei­se gera­de unwirk­lich zu werden.

Kön­nen Sie ein Geheim­nis lüf­ten: Wie­so geht es so oft um Stüh­le im Design?

Eigen­ar­ti­ger­wei­se kau­fen vie­le Leu­te vie­le Stüh­le. Im Gegen­satz zu einem Tisch oder Regal ist ein Stuhl eher ein Objekt als ein Möbel und dabei ein recht son­der­ba­res: Es gibt weder ech­te Ver­ti­ka­len noch Hori­zon­ta­len und dank sei­ner Funk­ti­on hat ein Stuhl stets ein akti­ves Ele­ment. Er ist das Möbel­stück, das durch neue Tech­no­lo­gi­en immer wie­der ver­bes­sert wer­den kann und auch muss.

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Eine jun­ge Iko­ne: der „Vege­tal Chair“ (Vitra)

Spre­chen wir über Ihren Bru­der: Haben Sie sich gut ver­tra­gen, als Sie klein waren?

Nein, über­haupt nicht. Wir sind fünf Jah­re aus­ein­an­der. Das heißt, dass man nicht die glei­che Schu­le besucht, nicht die glei­chen Freun­de hat, nicht zusam­men Fuß­ball spielt. Es fing an, als ich 20 Jah­re alt war: Ron­an brauch­te Hil­fe bei sei­nem ers­ten Pro­jekt, den „Vases com­bi­na­toires“. Ich war damals auf der Kunst­hoch­schu­le und hat­te viel freie Zeit. Wir erin­nern uns nicht mehr, wie, wo und war­um das gesche­hen ist, aber ab einem gewis­sen Punkt waren wir gemein­sam unterwegs.

Wie läuft Ihre Zusam­men­ar­beit ab? Hat jeder eine bestimm­te Rolle?

Nein, wir haben bei­de Ide­en und ent­wi­ckeln jedes Pro­jekt gemein­sam. Was bei uns beson­ders ist: Wir dis­ku­tie­ren viel mehr, als es in Stu­di­os von ein­zel­nen Desi­gnern üblich ist, was eine gewis­se Distanz zum Pro­jekt ermög­licht. Das ist wich­tig, denn als Desi­gner liebt man sei­ne Idee und manch­mal fällt es schwer, genug Abstand zu gewin­nen, ratio­nal zu den­ken. Ide­en gehen aus Träu­me­rei­en her­vor, aber um sie dann zu ver­wirk­li­chen, muss man extrem strikt sein.

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Akus­tik­pa­nee­le „Clouds“ für Kvadrat

Gab es des­we­gen schon ernst­haf­ten Streit?

Natür­lich, fast jeden Tag. Es geht im Design um fes­te Para­me­ter und Fak­ten, doch ab und zu ist es nicht ein­fach her­aus­zu­fin­den, was die Logik stört. Dann las­sen sich die Pro­ble­me nicht mehr ohne Wei­te­res lösen. Es gibt nur noch das Viel­leicht. Alle dei­ne Instink­te sagen: Die Para­me­ter stim­men, also wie­so funk­tio­niert das nicht? Erst ver­gan­ge­nen Mon­tag haben wir uns über die Holz­struk­tur eines Stuhls gestritten.

Was woll­ten Sie per­sön­lich schon immer ein­mal designen?

Ich wür­de ger­ne ein klei­nes Segel­boot ent­wer­fen – aus Holz, fünf bis sechs Meter lang –, um fischen zu gehen.

Wür­den Sie Ihren Bru­der mitnehmen?

Nein, nein, da wären dann mei­ne Frau und mei­ne Toch­ter dabei.

Vie­len lie­ben Dank für das Gespräch.

Mehr Infos: www.bouroullec.com

Fotos: Por­trät­bild von Alex­andre Tabas­te, Pro­dukt­bil­der von www.vitra.com, www.kvadrat.de

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