Interview mit Marcel Wanders: Menschlich, allzu menschlich

Ein Garant für das Verwegene: der niederländische Stardesigner Marcel Wanders. Wir trafen ihn zur Pressekonferenz für die Züricher Hotelperle Kameha Grand, das im März 2015 seine Pforten öffnete. Ein Gespräch über Hamsteranimationen, Designorchester und nicht weniger als das Leben selbst.

Herr Wanders, wie passt das Design von Hotels zu dem von Möbeln?

Ich fing als Produktdesigner an und dachte ab einem gewissen Punkt es sei logisch, auch Interieurs zu gestalten. Ich hatte keine Ahnung von was ich spreche. Als ich meine Zeichnungen ansah, die ich nach den konzeptionellen Richtlinien für Möbel gestaltet hatte, musste ich einsehen, dass es interessant wäre diese Räume einmal zu betreten, aber kein zweites Mal. Ein Objekt kann von einer einzigen tollen Idee leben. Räume brauchen tausend große Ideen. Sie erzählen Geschichten, sind ein Abenteuer, das man erlebt, nicht nur ein Moment. Ein Möbel entwerfe ich als Bildhauer: mit einem großen Marmorblock vor mir, an dem ich so lange herum schneide, bis dieses eine perfekte Ding herauskommt, was sich darin versteckt hat. Interior Design dagegen komponiert man wie eine Oper: Töne geben und nehmen, eine andere Stimmung addieren, ständige Bewegung. Es sind zwei komplett verschiedene Jobs, die ein jeweils anderes Gespür und Wissen voraussetzen.

Welchen mögen Sie denn lieber?

Das kann ich nicht sagen, beides ist super interessant. Ich finde es wundervoll diese beiden Seiten, oder sagen wir Sprachen, zu beherrschen. Obwohl ich anfangs dachte, es sei die gleiche.

Was war Ihre liebste große Idee für das Kameha Grand?

Das sind eher kleine Dinge: Mein Designstudio hat animierte Videosequenzen eines Hamsters entworfen, der sich in seinem Laufrad vergnügt. Die werden dann im Fitnessraum gezeigt. Am Anfang klang die Idee natürlich skurril bis ein Mitarbeiter es einfach umgesetzt hat. Es ist eine hübsche kleine Analogie aufs Sporttreiben, aber auch uns Menschen in unseren ganz privaten Tretmühlen. Ach, und die Lampen! In der Lobby hängen riesenhafte Glockenleuchten, die ich schon öfter verwendet habe. Für das Kameha, weil in der Schweiz, haben wir zusätzlich Nachttischlichter in der Größe von echten Kuhglocken entworfen. Nur ein kleines Objekt, aber ein sehr poetisches.

 Hatten Sie auch Ideen, die zu verrückt waren?

Einige sogar. Wir haben zum Beispiel versucht kleine Deko-Bernhadiner zu entwerfen, die an diese japanischen Winkekatzen erinnern. Manches funktioniert eben nicht. Man braucht tausend Ideen für fünzig gute.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Ihre Designs wirken oft sehr trendig und gewagt.

Wissen Sie, Einrichtung definiert oft einen netten Ort, fühlt sich gut an, ist aber meist kein Thema, worüber man auf der Straße spricht. Daher erschaffen wir genau das: Dinge, die begeistern. Zumindest versuchen wir es.

Es gibt bestimmt einige, denen das gerade nicht gefällt.

Es gibt so viele Menschen auf der Welt. Sie können versuchen für alle gut zu sein, dann liebt es keiner. Oder Sie versuchen nur für die Hälfte gut zu sein, aber diese Hälfte liebt, was Sie tun. Und am Ende will ich selbst nur tun was ich liebe. Es ist unglaublich Dinge zu erschaffen, die anderen wirklich etwas bedeuten, etwas in ihnen auslösen.

Viele Ihrer Produkte für das Designlabel Moooi haben eine trendige, fast verwegene Aura. Wie wichtig sind Ihnen Trends?

Sie mögen vielleicht so erscheinen, aber viele unserer heutigen Bestseller haben wir schon seit Anfang an. Sie sind nicht so trendig.

Sie sehen auf jeden Fall nicht so aus als wären sie für die Ewigkeit kreiert.

Das würde ja bedeuten, dass etwas länger bleibt, nur weil es unwichtig erscheint. Das glaube ich nicht. Ich glaube die meisten ikonischen Designstücke, die wir noch heute lieben sind nicht sehr stille Objekte. Wir hatten nur danach viele Jahre in denen sich viele nicht trauten ein Statement zu setzen, stattdessen einfach nur weniger machten.

Was ist Ihr Statement, können Sie das in Worte fassen?

Dafür brauche ich sehr viele Worte. Das Fundament unserer Arbeit: Dinge und Räume zu entwerfen, die humanistisch sind, so irrational sind, wie wir selbst. Wir sind romantisch. Wir feiern das Zusammenkommen. Unsere Position ist nicht in der Zukunft oder Vergangenheit sondern genau dazwischen, im Hier und Jetzt. Wir entwerfen Dinge, die fühlbar, machbar und nachhaltig sind. Das wichtigste Dogma der modernistischen Welt und vor allem Arbeitswelt ist: Die Vergangenheit ist irrelevant für die Zukunft. Das heißt: Was wir heute tun, ist morgen nicht mehr von Belang. Die zugrundeliegende Idee unserer Wegwerf-Kultur. Wenn wir das wirklich zulassen, dass unsere Kultur, das, was uns verbindet, nicht mehr wichtig ist, dann haben wir nichts mehr. Nur noch die Idee einer irgendwie gestalteten Zukunft. Das ist keine Welt in der ich leben möchte. Was der Modernismus uns geben will ist etwas, das wir nicht akzeptieren können. Die Welt muss ganzheitlicher werden, menschlicher, mit mehr Respekt für die Vergangenheit. Wir versuchen das umzusetzen. Nur um das deutlich zu machen: Ich glaube nicht, dass weniger tun eine Lösung ist. Ich glaube wir sollten einfach besser sein.

Was war die wichtigste Lehre, die sie über die Jahre als Designer gezogen haben?

Kein Designer zu sein, sondern einfach ein Mensch.

Was ist der Unterschied?

Als Designer wird man ein Experte, mit allen Konsequenzen. Man wird technokratisch, mit vorgefassten Ansichten, die vielleicht nicht immer richtig sind. Eine Person darf bescheidener sein oder einladender. Das ist wundervoll.

Herr Wanders, vielen Dank für das offene Gespräch.

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