Stoffkunde: Kantonbatist

Manchmal stoßen wir auf eine Stoffbezeichnung, die so selten verwendet wird, dass man selbst in unserer digital bestens vernetzten Welt nur wenig Informationen dazu findet. Ein solcher Begriff ist Kantonbatist. Spurensuche nach einem alten und doch wieder neuen Gewebe.

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Kantonbatist im Interiordesign: Die Bostoner Interiordesignerin Rachel Reider setzte das Gewebe als Wandverkleidung in Maines Whitehall Inn ein

Beim Kantonbatist, auch als Grastaft, Grastuch, Grasleinen, Nesseltuch, Ardée, Grass cloth oder Batiste de Canton bezeichnet, handelt es sich im Allgemeinen um ein glänzendes Gewebe aus Chinagras (Ramie). Die Ramie gehört zur Familie der Brennesselgewächse und wird vor allem in Asien, teilweise in Südamerika und vereinzelt in Europa angebaut. Wächst aber wie unsere heimische Große Brennnessel auch wild am Wegesrand.

Funde ägyptischer Mumienbinden belegen, dass die Faserpflanze bereits im alten Ägypten vor bis zu 5000 Jahren kultiviert wurde.

Robust aber nicht konkurrenzfähig

Ähnlich wie beim Leinen wird auch die Ramiefaser aus dem Bastteil des Stängels gewonnen. Sie gilt als sehr hochwertig, ist jedoch aufgrund ihrer aufwendigen und bis heute nur partiell automatisierbaren Herstellung (verglichen mit anderen Naturfasern wie Leinen, Baumwolle oder Wolle) nicht konkurrenzfähig.

Aus den robusten Fasern werden neben Geweben auch Seile gefertigt. Zudem kommen sie in der Papierproduktion zum Einsatz – vor allem, wenn es um die Herstellung von Spezialpapier geht, wie beispielsweise für Banknoten.

Nesseltuch, die europäische Variante

Das Wort Kanton im Begriff Kantonbatist bezieht sich auf die asiatische Herkunft, mit Batist, wiederum ist ein leichtes, feines Gewebe in Leinwandbindung gemeint. Neben den aus Asien importierten Geweben gab es mit dem Nesseltuch aus der Großen Brennnessel auch eine europäische Form des Kantonbatists. Die langen Bastfasern, vor allem der alten Brennesselpflanzen, sind fester als die Leinenfaser. Daher wurden sie neben dem Nesseltuch und Seilen auch zu Fischernetzen verarbeitet.

Mit dem Siegeszug der industriell gut zu verarbeitenden Baumwolle geriet die Fasernessel fast in Vergessenheit. Seit Beginn der 1990er Jahre erleben heimische Pflanzenfasern jedoch ein großes Comeback, in das sich neben Leinen und Hanf  inzwischen auch die Fasernessel einreiht.

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Textiltapete aus Hanf-Gewebe (Philip Jeffries)

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Textiltapete aus Pfeilwurzel-Gewebe (Philipp Jeffries)

Kantonbatist im Interiordesign

Im Einrichtungsbereich bezeichnet der Kantonbatist  heute meist ein textiles Wandkleid, das neben Ramie auch aus Hanf, Leinen, Seegras und anderen natürlichen Pflanzenfasern besteht. Je nach Pflanzenart lässt sich eine feine, bei gebündelten Fasern auch recht grob strukturierte sinnliche Oberfläche erzielen.

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Raffia-Tapete aus der Kollektion „Rabanna Wallpapers“ von Osborne & Little

Noch mehr Spannendes und Wissenswertes über Stoffe erfahren Sie im neuen Textillexikon ABC der Stoffe und in allen anderen Artikeln aus der Serie Stoffkunde.

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