Vom 21. bis 26. April 2026 wird Mailand wieder zur Bühne für Räume, Materialien und neue Erzählformen. Während der Salone del Mobile auf dem Messegelände Rho seine 64. Ausgabe feiert, entfaltet sich in der Stadt parallel die Milan Design Week – mit Installationen in Palazzi, Galerien, Hinterhöfen und temporären Architekturen. Eine Preview.

Happy Birthday! Muller van Severen feiern 15 Jahre mit skulpturalen Objekten
Schon jetzt zeichnet sich ab: 2026 wird ein Jahr der starken Szenografien, der materialgetriebenen Experimente – und der Rückkehr des Hauses als kultureller Projektionsraum. Zwischen Sammlerstücken, nationalen Präsentationen und immersiven Raum-Inszenierungen verschiebt sich der Fokus weiterhin spürbar vom Produkt zum Erlebnis.
Neue Räume, neue Formate: Collectible Design und Inszenierung als Leitmotiv
Zu den wichtigsten Messe-Neuerungen gehört der Salone Raritas in den Pavillons 9 bis 11. Kuratiert von Annalisa Rosso und gestaltet von Formafantasma, widmet sich das Format limitierten Editionen, Ikonen und außergewöhnlicher Handwerkskunst. Ein deutliches Signal für die wachsende Bedeutung des Sammlermarkts innerhalb der Designszene.

Die Draga & Aurel Glasleuchten Crisalide sind beim neuen Messeformat Salone Raritas zu entdecken
Auch Galerien und Plattformen außerhalb der Messe reagieren darauf mit starken narrativen Konzepten. Gespannt darf man (wie eigentlich immer) auf die Inszenierungen von Nilufar sein: Im Depot entsteht mit dem Grand Hotel eine fiktionale Hospitality-Erzählung rund um drei imaginäre Zimmer, während La Casa Magica in der Spiga-Dependance das Haus als symbolischen Schutzraum zwischen Ritual, Mythos und zeitgenössischem Objekt interpretiert.

Nilufar Grand Hotel
Dass Design zunehmend als kulturelle Praxis verstanden wird, zeigt sich auch in der neuen Dimoregallery von Dimorestudio. An kaum einem anderen Ort muss man während der Design Week traditionell länger Schlange stehen. Entsprechend groß ist die Erwartung an das neue Format.
Alcova bleibt das experimentelle Herz der Woche
Wenn es einen Ort gibt, der die Energie des Fuorisalone zuverlässig bündelt, dann ist es Alcova. 2026 zieht das kuratorische Format in zwei radikal unterschiedliche Kontexte: die Villa Pestarini – ein bislang nicht öffentlich zugängliches Wohnhaus von Franco Albini – und das weitläufige ehemalige Militärhospital im Mailänder Stadtteil Baggio. Mehr als 120 internationale Studios zeigen hier Projekte in einem Umfeld zwischen modernistischer Architektur und großen offenen Arealen. Ein wichtiger Ort für junge Tendenzen.
Dramaturgie statt Produkt: Szenografie als Schlüsselthema
Zu den atmosphärisch starken Präsentationen dürfte erneut 6:AM gehören. In der historischen Piscina Romano zeigt das Studio unter dem Titel Over and Over and Over and Over Glasobjekte als räumliche Erzählung zwischen Architektur, Landschaft und Licht, inklusive neuer Editionen der Serien Paysage und Linetta gemeinsam mit Hannes Peer.

6:AM
Letzterer präsentiert auch bei Spotti Edizioni Milano seine neue Kollektion Core: Möbel aus massivem Holz, bei denen das Material sowohl als Struktur als auch als Oberfläche dient, ganz ohne Furniere oder aufgesetzte Elemente.

Spotti Edizioni Milano
Auch DeTroupe setzt auf Raumdramaturgie: Camera Fissa entsteht als textiler Clubraum zwischen Filmästhetik, Alabasterlicht und retro-futuristischem Lounge-Mobiliar. Und parallel dazu lädt Rubelli zur immersiven Installation Ai Weiwei: About Silk, in der textile Entwürfe des Künstlers und ein begleitender Dokumentarfilm die poetische Dimension von Stoff als Medium erfahrbar machen.

Eine Textilinstallation, die Seide eine neue Bedeutung verleiht ist Ai Weiwei: About Silk von Rubelli
Und für die Ausstellung Gucci Memoria kuratierte Demna eine symbolische Neuerzählung der 105-jähirgen Geschichte des Modehauses. Die Location: Chiostri di San Simpliciano an der Piazza Paolo VI (Brera).
Nationale Perspektiven: Design als kulturelle Position
Die länderspezifischen Beiträge gewinnen weiter an Bedeutung, das bekommt fast schon Biennale-Charakter. Besonders vielversprechend wirkt 2026 der französische Beitrag: Mit Le Design Défilé entsteht in Brera ein inszenierter Parcours mit 53 Entwürfen zwischen Handwerk, Bewegung und Nachhaltigkeit, kuratiert vom Kollektiv French Living in Motion und gestaltet von Jakob+MacFarlane.
Auch Österreich präsentiert sich mit dem Design Palazzo Austria im Herzen der Stadt, während die Schweiz mit Shared Matter im Spaziovento kollaborative Materialforschung in den Mittelpunkt stellt. Einen besonders experimentellen Ansatz verfolgt Slowenien mit House of Creatures, das Objekte als „lebende Wesen“ interpretiert.

Paper Glasses von Silvio Rebholz bei Shared Matter
Radikal, poetisch, ikonisch: Klassiker neu gedacht
Ein weiterer spannender Schauplatz der Milan Design Week 2026: Die Italian Radical Design Group präsentiert unter dem Titel Radical Home neue und historische Arbeiten von Memphis, Gufram und Meritalia. Zu sehen ist unter anderem eine neue, kompaktere Version des Tawaraya Ring des japanischen Designers Masanori Umeda: ein Sitzmöbel, das ursprünglich wie ein gepolsterter Boxring gedacht war – „für intellektuelle Kämpfe“.

Memphis-Ikonen wie der Tawaraya Ring bei Radical Home

Der stachelige Beanbag-Sessel von Gufram, neu interpretiert als ironisches Sitzobjekt
Auch Fornasetti schlägt ein neues Kapitel auf: Gemeinsam mit Studio Tutto Bene wird der Mailänder Flagshipstore komplett frisch inszeniert. Parallel übersetzt CC‑tapis erstmals ikonische Archivmotive der Marke in Teppiche. Ein spannender Transfer zwischen Illustration und Textil.

CC-Tapis x Fornasetti
Italienische Marken zwischen Natur, Glas und Jubiläen
Auch die etablierten italienischen Hersteller setzen starke Akzente: Gallotti&Radice feiert sein 70-jähriges Bestehen mit Tales in Glass, einer kuratierten Auseinandersetzung mit dem Werkstoff, der die Identität der Marke geprägt hat.

Gallotti & Radice
Mit der Installation Responsive Nature inszeniert Molteni&C seine neue Indoor- und Outdoor-Kollektion als Sequenz unterschiedlicher Landschaftsräume. Architektur, Botanik und digitale Projektionen verschmelzen dabei zu einer poetischen Erzählung über das Verhältnis von Mensch und Natur.

Responsive Nature von Molteni&C
Auch Porada stellt seine Präsentation unter das Leitmotiv A reason for being und rückt dabei Natur, Handwerk und das neue Material Eiche in den Mittelpunkt. Geheimnisvoller präsentieren sich B&B Italia und Edra – sie geben ihre News erst einen Tag vor dem offiziellen Start des Salone del Mobile 2026 an die Presse heraus.

Porada präsentiert den neuen Schreibtisch Beo aus Massivholz mit Ledereinlage
Farbe, Ritual, Atmosphäre
Neben Materialität und Collectible Design zeigt sich ein zweiter klarer Trend: Räume werden stärker emotional gedacht – über Farbe, Symbolik und multisensorische Erlebnisse. Das zeigt sich etwa bei Marimekko, das mit der Osteria Fiori di Marimekko eine Installation rund um florale Muster, Textilien und Gastronomie entwickelt. Die neue Print-Serie wird dort nicht nur gezeigt, sondern als räumliches Erlebnis inszeniert – inklusive Aperitivo.

Marimekko
Das Beste zum Schluss
Und wie immer gilt: Die spannendsten Gespräche beginnen nach den Ausstellungen. Ein lohnender Stopp dürfte – neben dem Klassiker, der Bar Basso – die SiMa Glazed Bar von Locatelli Partners werden: eine dreigeschossige Rauminstallation rund um Keramik als architektonisches Material. Etwas experimenteller wird es bei Vesper Milano, wo gemeinsam mit dem Berliner Lotto Studio eine poetische Klanginstallation zwischen Audio-Reading und Raumobjekt entsteht. Ein perfekter Abschluss für Tage voller Eindrücke. Und vermutlich erst der Anfang vieler Gespräche über das Designjahr 2026.

Locatelli Partners eröffnet die SiMa Glazed Bar
Text: Lilian Ingenkamp








