Wie man Farbe im Haus so einsetzt, dass sie nicht nur Nebendarstellerin, sondern Protagonistin ist? Wie man die richtigen Töne für jeden Raum findet? Und was das Ganze mit Musik zu tun hat? Das erklären die Designerinnen Valeria Nesterenko und Natalya Lenintseva, die kürzlich in Limassol ein Haus mit dem treffenden Namen „Rhythm of Color“ gestaltet haben.
„Es gibt Häuser, in denen Farbe einfach nur als Gestaltungselement im Hintergrund vorhanden ist. Und es gibt Häuser, in denen Farbe lebendig wird und einen wie Musik von Raum zu Raum führt. Genau so einen Ort wollten wir mit ‚Rhythm of Color‘ schaffen“, sagen Valeria Nesterenko and Natalya Lenintseva. Gelungen ist ihnen das, indem sie dem musikalischen Kontext treu geblieben sind. Das Interieur wurde wie eine Partitur komponiert, in der jeder Farbton seine eigene Note und jeder Akzent seine eigene Melodie hat. Terrakotta, tiefes Blau, sonniges Gelb und sanfte Himmelstöne bilden einen Rhythmus, der die Bewohner von Raum zu Raum und von morgens bis abends begleitet.

Valeria Nesterenko (l.) und Natalya Lenintseva im „Rhythm of Color“ Haus

Kleiner Akzent, große Wirkung: „Farbe an Türrahmen, Laibungen oder Leisten hilft, Räume optisch miteinander zu verbinden und schafft ohne großes Budget einen Designer-Look.“
Da stellt sich uns die Frage: „Kann es eigentlich ein Zuviel an Farbe geben?“ „Ja“, sagen Valeria Nesterenko and Natalya Lenintseva. „Allerdings nicht wegen der Anzahl der Farben an sich, sondern wegen mangelnder Struktur. Wenn ein Innenraum zu viele helle Farbtöne aufweist, die nicht durch Ton, Temperatur oder Sättigung miteinander verbunden sind, wirkt der Raum unruhig, ermüdend und optisch fragmentiert. Mit dem richtigen Ansatz kann sogar eine kräftige Farbpalette einheitlich, luxuriös und komfortabel wirken – insbesondere, wenn sie durch neutrale Oberflächen und die richtige Beleuchtung ausgeglichen wird.“

Schneeweiße Schränke stehen in Kontrast zu einer satten Terrakotta-Wand.
Mehr als zwei Töne? Darauf kommt es beim Einrichten mit bunten Farben an
Wie geht man nun also vor, wenn man mehrere Farben einsetzen möchte? Valeria Nesterenko und Natalya Lenintseva raten, drei wichtige Faktoren zu beachten: Ausgewogenheit, Temperatur und Farbton sowie Wiederholung. Das bedeutet konkret:
60 % Hauptfarbe im Hintergrund
30 % Nebenfarbe und
10 % Akzentfarbe
Außerdem müssen die Farbtöne harmonieren, sprich: warm mit warm kombinieren und kühl mit kühl. Selbstverständlich lassen sich auch Kontraste setzen, dann sollten die Farbtöne aber bewusst und wohlüberlegt kombiniert werden.
Last but not least gilt auch beim Einrichten mit bunten Farben die klassische „Wiederholungsregel“: Wenn eine Farbe an mehreren Stellen im Raum vorkommt, beispielsweise in Textilien, bei der Deko und bei den Möbeln, wird sie Teil der Gesamtkomposition. Profi-Tipp der Designerinnen: „Wiederholen Sie nicht den exakten Farbton, sondern variieren Sie ihn bezüglich Sättigung und Helligkeit. Dadurch wirkt der Raum vielschichtig und lebendig.“

Die Farbpalette dieses Schlafzimmers besteht aus ruhigen Grün-Blau- und Honigtönen. Dadurch ist ein Raum entstanden, der dazu einlädt, langsamer zu werden und den Moment zu genießen. Die Hay-Wandleuchte leuchtet dabei wie eine kleine Sonne.
„Beginnen Sie nie mit den Wänden!“
So lautet der Rat der Designerinnen für alle „Farbneulinge“. Sondern mit Stücken, die leicht auszutauschen sind, wie Kissen, Vorhänge, Teppiche, Gemälde, Poster, Deko oder einem Möbelstück. „Wählen Sie eine Farbe, die Ihnen gut gefällt und nehmen Sie diese in drei Varianten – hell, mittel, dunkel. Dadurch wird die Farbpalette automatisch harmonisch.“ Und wenn es dann schließlich an die Wände geht: „Testen Sie die Farbe immer erst an einem Teil der Wand, die auch wirklich gestrichen werden soll und betrachten Sie sie zu verschiedenen Tageszeiten.“

Im Wohnzimmer treffen blaue Akzente auf weiße Wände.
Gibt es „verbotene“ Farben?
Jeder, der sich schon mal mit Farbgestaltung beschäftigt hat, hat wahrscheinlich schon mal den Hinweis „bloß kein Rot im Schlafzimmer!“ gehört. Ist das noch zeitgemäß? „Nein“, sagen Nesterenko and Lenintseva. „Die Theorie ist teilweise überholt. Es gibt keine ‚verbotenen‘ Farben, nur falsche Proportionen und Kontexte. Leuchtend rote Wände im Schlafzimmer, aggressive Kontraste oder glänzende Oberflächen können tatsächlich unruhig wirken. Rote Textilien, Kunstwerke und andere Details passen aber wunderbar. Man muss sich immer daran erinnern, dass wir Farben nicht isoliert wahrnehmen, sondern zusammen mit der Beleuchtung, den Texturen, der Größe des Raums und dem Gesamtstil. Das gilt übrigens für jeden Raum und jede Farbe!“

Wandfarbe oder Tapete?
„Wir lieben beides – es hängt ganz vom Ziel ab”, sagen die Designerinnen. „Farbe ist ideal für moderne Innenräume: Sie sorgt für ein klares Erscheinungsbild, lässt sich leicht auffrischen und ermöglicht maximale Flexibilität bei der Arbeit mit Farbtönen. Tapeten sind unersetzlich, wenn Sie Charakter, Textur und Muster hinzufügen, den Effekt einer ‚dekorativen Architektur‘ erzielen und einen visuellen Blickfang schaffen möchten. Ein interessanter Ansatz ist die Kombination beider Materialien: Farbe als Hintergrund und Tapete als auffälliger Akzent.“
Valeria Nesterenko www.valerianesterenko.com / @valeria.nesterenko
Natalуa Lenintseva / @design_nataliia
Fotos: Maxim Maximov
Styling: Marina Grigorova
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