Ein Mid-Century-Haus einrichten heißt, mit einem Bau zu verhandeln, der bereits eine Meinung hat. Designerin Leonie Pauls über die häufigsten Fehler beim Einrichten, die richtige Farbauswahl und warum Gebrauchsspuren eine Qualität sind, die mit keinem Geld der Welt bezahlt werden kann.

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Kunstwerk rechts von Laura Ginis

Leben im Mid-Century Haus

Die Sichtbetonwand bleibt sichtbar, die Deckenhöhe ist gesetzt, das Fensterband zieht den Blick unweigerlich in den Garten: Wer in einem Mid-Century Haus einzieht, übernimmt eine vorhandene Haltung und muss entscheiden, wie er ihr begegnet. Leonie Pauls liest die Formensprache ihres eigenen Mid-Century-Hauses und spinnt sie weiter. Im Gespräch erklärt die Designerin, wie Gestaltung ein solches Haus stützt und wann sie ihm im Weg steht.

Was macht ein Haus aus den 50er- bis 70er-Jahren attraktiver als einen Neubau?

Es besitzt eine Ehrlichkeit in der Konstruktion und eine tiefere Verbindung zum Außenraum. Viele Neubauten sind auf maximale Effizienz optimiert. Den Mid-Century-Häusern fehlt zwar oft die moderne Dämmung, aber sie bieten Geborgenheit durch ihre Proportionen. Die Deckenhöhen, der gezielte Einsatz von Licht und die fast nahtlose Verbindung zum Garten geben einem das Gefühl, in einem „gewachsenen“ Raum zu sein statt in einem Produkt. Ich schätze vor allem die Unvollkommenheit und die Patina, die ein Haus lebendig machen.

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Was ist der häufigste Fehler beim Einrichten eines Mid-Century Hauses?

Für mich ist ein Mid-Century-Haus kein statischer Kasten, sondern ein Gebäude mit eigener Handschrift. Das Einrichten sollte absolut als Dialog verstanden werden. Wer gegen die architektonische Haltung arbeitet und den rauen Sichtbeton oder die warmen Holzelemente hinter sterilen Oberflächen versteckt, nimmt dem Haus seine Seele. Ein gelungener Dialog greift die Formensprache auf und interpretiert sie durch heutige Bedürfnisse neu, etwa durch bessere Lichtkonzepte oder modernere Textilien. Es ist ein respektvolles Weiterspinnen der Geschichte.

Holz, Ziegel, strukturierte Oberflächen: Warum lohnt es sich, diese Materialien zu erhalten?

Wir bewegen uns durch eine zunehmend digitale und glatte Welt. Holz, Ziegel und strukturierte Oberflächen sind physisch, sie haben eine Haptik. Diese Materialien altern sichtbar: Sie bekommen Kratzer, sie dunkeln nach, sie zeigen Leben. In einem Raum, in dem ich das Holz der Wandpaneele rieche oder die Struktur eines Ziegelsteins fühle, komme ich zur Ruhe.

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Woran erkennt man, ob ein neues Möbel oder Objekt zum Mid-Century-Haus passt oder es stört?

Mein Kompass ist die Frage: Unterstützt das Element den Rhythmus des Raumes? Gestaltung stört, wenn sie zu vordergründig sein will. Wenn ein starkes architektonisches Element den Fokus trägt, eine Sichtbetonwand etwa oder ein raumhohes Fenster, sollte das Interieur drumherum unterstützend wirken.

Und was hat es mit den vielen Einbaumöbeln auf sich?

Einbaumöbel waren oft eine architektonische Antwort auf das Bedürfnis nach Ordnung. Sie reduzieren visuelle Unruhe, weil sie mit der Architektur verschmelzen, statt nur davorzustehen. Das schafft enorme Ruhe, weil der Raum aufgeräumt wirkt, selbst wenn er belebt ist. Ein Ansatz, der den Alltag funktional unterstützt, ohne den Raum durch einzeln stehende Möbelstücke zu fragmentieren.

Welche Farben funktionieren in einem Mid-Century-Haus und braucht es überhaupt ein Farbkonzept, wenn die Materialien schon so viel hergeben?

Es braucht immer ein Farbkonzept, die Frage ist nur, aus welcher Palette man sich bedient. Gerade wenn die Materialien schon viel mitbringen, besteht die Hauptaufgabe darin, alles in einem übergeordneten Konzept zusammenzuführen. Mid-Century-Häuser wirken durch Holz, Stein und Edelstahl manchmal sehr vordergründig in ihrer Zusammenstellung. Hier können großflächige Farben, die die Materialtöne aufgreifen, ein Bindeglied sein. Wo Backstein und Holz dominieren, bieten die Primärfarben Rot, Gelb und Blau passende Kontraste. Aktuell reizt mich auch das Spiel mit Buttergelb, Grün und violetten Akzenten. Grün lässt sich als Verlängerung des Gartens in den Innenraum holen, sorgt für Ruhe und zieht die Sichtachse nach draußen.

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Offene Grundrisse und Blickachsen prägen viele dieser Häuser. Wie nutzt man sie heute am besten?

Sie sind aktueller denn je. Das Konzept der fließenden Grundrisse und der Blickachsen in die Natur war damals visionär. Heute, wo wir Wohnen, Arbeiten und Entspannen so flexibel wie nie verknüpfen, funktionieren genau diese Konzepte. Die fließenden Übergänge erlauben es, den Raum je nach Tageszeit und Bedarf zu zonieren, ohne ihn durch statische Wände zu kontrollieren.

Was sollte man beim Renovieren auf jeden Fall bewahren, auch wenn es abgenutzt wirkt?

Was Charakter hat: Dielenböden mit Gebrauchsspuren, originale Türbeschläge, Steinplatten mit Patina. Das ist die Geschichte des Hauses. Diese Elemente sind nicht alt, sie sind gereift. Ersetzt man alles durch makellose Materialien, verliert das Haus seine Identität und wirkt museal. Die Qualität des Gealterten liegt darin, dass sie dem Raum eine Seele gibt, die man mit keinem Geld der Welt kaufen oder nachträglich herstellen kann.

Mid-Century-Architektur gilt als zeitlos. Liegt das an der gestalterischen Klarheit oder an den Materialien und Proportionen?

Für mich ist es beides: Die gestalterische Klarheit ist das Skelett, die Dauerhaftigkeit der Proportionen und Materialien ist das Herz. Mid-Century-Design basierte auf dem menschlichen Maß. Die Räume sind nicht dazu da, zu beeindrucken, sondern um darin zu leben. Da sich die menschlichen Bedürfnisse grundlegend wenig ändern, fühlen sich diese Proportionen auch nach über 60 Jahren noch intuitiv richtig an. Ich habe eher das Gefühl, dass sich Häuser und ihre Planung von den echten menschlichen Bedürfnissen wegbewegen. Deshalb fühle ich mich in den Bestandsobjekten dieser Zeit so wohl.

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Fotos: Jaclyn Locke