Nach den ersten Tagen zwischen Stadtinstallationen und Messehallen verdichtet sich das Bild: Vieles wirkt vertraut, zeigt sich aber in neuer Intensität. Dabei wird auffällig stark in Gegensätzen gedacht und zugleich deutlich, warum diese sich nicht nur sprichwörtlich anziehen. Ein Überblick.
Extreme Kontraste
Reibung ist wichtig für eine gute Einrichtung, sagte uns Peter Ippolito einmal in einem Homestory-Interview. Dem interdisziplinär arbeitenden Architekten und Designer sind wir hier in Design City übrigens erfreulich häufig über den Weg gelaufen. Ein Satz, der sehr treffend beschreibt, was sich auf dem Salone del Mobile 2026 und der Milan Design Week gerade abzeichnet.

Bouclé und Soft-Shapes treffen auf kühles Metall: Sebastian Herkner für Enne
Der in den Preview-Tagen bereits beobachtete Trend zu lackierten Oberflächen bestätigt sich auf dem Messegelände Rho Fiera und den offenen Showrooms der Stadt in vielen Facetten – und bekommt einen starken Gegenspieler. Roughe Materialien wie Lava oder Stein, die roh und archaisch wirken. Vereinzelt sogar so sehr, dass die Berührung an Schleifpapier oder ähnliches denken lässt. Zumindest nichts, was sich wirklich gut anfühlt. Und das ist gewollt. Auch immer mehr Untergründe der Ausstellungsflächen bleiben bewusst unversiegelt, sodass sie beim Darüberlaufen hörbar knirschen. Materialien sollen nicht nur gut aussehen, sondern sich bemerkbar machen. Fühlbar, sogar hörbar sein.

BIG x Nerosicilia
Das Spiel der Gegensätze zeigt sich nicht nur in Form von Materialien, sondern auch in Stilrichtungen oder Farben. Parallel dazu bestehen weiterhin Ton-in-Ton-Konzepte (All Beige ist selbst als Fashion-Look sehr präsent), die bewusst auf Harmonie setzen und wie ein Gegenpol zur visuellen Reibung wirken. Schließlich hat jeder Trend seinen Gegentrend.
Natur als Bühne
Während Materialien immer stärker inszeniert werden, verändert sich auch der Rahmen, in dem Design präsentiert wird. In der Stadt entstehen zunehmend Installationen, die wie kleine Landschaften wirken: Gärten, begrünte Innenhöfe oder bewusst unperfekte Naturkulissen. Möbel stehen darin nicht als Einzelstücke, sondern als Teil eines atmosphärischen Gesamterlebnisses. Dabei geht es nicht nur um Pflanzen und Design, sondern um multisensorische Räume. Vogelstimmen, Wassergeräusche oder natürliche Lichtstimmungen werden gezielt eingesetzt, um Aufenthaltsqualität zu erzeugen. Wir sind gespannt, wann sich das auch im Wohnraum wiederfindet!

Byredo x Jean-Guillaume Mathiaut
Space Age
Eine weitere Tendenz, die auffällt: Space Age is (even more) back. Allerdings nicht als Retro-Zitat, sondern in einer Update-Version. Geometrische Formen und klare Farben wirken futuristisch statt nostalgisch. Gern kombiniertet wird auch hier Silber, häufig nicht mehr nur glatt poliert oder gebürstet, sondern mit sichtbarer Patina, ähnlich alten Spiegel-Oberflächen.
Holz wird dunkler und überraschend weich
Insbesondere Walnuss ist dabei auffällig präsent und bringt mehr Kontraste in die Rauminszenierungen. Selbst die gute alte Massiveiche taucht in moderner Form und klug integriert zurück in den Wohnraum, etwa bei einem Leolux Couchtisch vom Designduo Yabu Pushelberg. Außerdem aufgefallen: Viele Hölzer sind so fein bearbeitet, dass sie haptisch extrem weich, beinahe stoffartig werden. Das Material bleibt sichtbar massiv, fasst sich aber deutlich zarter als erwartet, etwa bei Entwürfen von Vincent van Duysen oder Gam Fratesi für den japanischen Möbelhersteller Koyori.

Leolux

Vincent van Duysen bei Koyori
Tische zeigen Kante
Ob Coffeetable oder Esstisch: ungewöhnlich geformte Tischplatten machen klassische Formen Konkurrenz. Kanten dürfen offen sein, Silhouetten bewusst unregelmäßig proportioniert sein. Das wirkt dynamisch, ist tatsächlich etwas richtig Neues und verleiht selbst großzügigen Formaten eine überraschende Leichtigkeit. Gesehen etwa bei Muuto und Hermès.

Links Muuto, rechts Hermès
Blurring Borders
Was sich ebenfalls verdichtet, ist der Ansatz, Design ganzheitlicher zu denken. Möbel, Textilien, Architektur und Küche wachsen stärker zusammen, Kooperationen werden selbstverständlicher, Räume fließender. Besonders schön zu sehen war das in diesem Jahr bei Textilherstellern wie Zimmer + Rohde, die ihren Showspace von Einrichter Fabian Freytag gestalten ließen oder der Kooperation des venezianischen Stoffhauses Rubelli mit Künstler Ai Weiwei. Aber auch Zusammenarbeiten von Arket und Laila Gohar, Veuve Clicquot und Yinka Ilori oder Vetsak mit MCM zeigen, warum es heißt: Gegensätze ziehen sich an!








