Ob erste gemeinsame Wohnung oder Familienzuhause: Wer Räume bewusst plant, vermeidet viele Konflikte. Architektin und Wohnexpertin Ahuti Alice Müller erklärt, welche Fragen vor dem Einrichten entscheidend sind, warum das Schlafzimmer besonders oft „falsch“ eingerichtet wird und Schnellverfahren nicht gut für uns und unsere Beziehung sind.
Jeder kennt die alltäglichen Herausforderungen des Zusammenlebens – vom gemeinsamen oder getrennten Schlafzimmer über das unaufgeräumte Jugendzimmer bis hin zum Arbeitsplatz am Küchentisch. Jemand, der sich seit mehr als 25 Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema befasst, ist Ahuti Alice Müller. Nun hat die Architektin und Wohnexpertin ein Buch mit dem Titel „Vier Wände und wir? Lebensräume für Paare und Familien neu verstehen“ geschrieben …
Frau Müller, wie lautet die häufigste Frage, die Ihnen bei diesen Beratungen gestellt wird?
Tatsächlich geht es in vielen Anfragen zunächst um den Schlafplatz. Oft höre ich Sätze wie: „Steht unser Bett richtig?“ oder „Mein Mann schläft so schlecht – vielleicht liegt es ja auch am Haus.“ Schlafprobleme gehören mit zu den häufigsten Anlässen für eine Beratung. Oft zeigt sich jedoch, dass sie nicht die eigentliche Ursache sind, sondern nur der Auslöser für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Zuhause. Ein weiterer Schwerpunkt sind Menschen in Veränderungsprozessen.
Ihr Buch gibt viele konkrete Beispiele. Eine klassische Situation: Ein Paar möchte zusammenziehen. Das birgt unweigerlich auch Konfliktpotenzial. Welche Themen sollte man unbedingt vorher klären?
Ein gemeinsames Zuhause zu gestalten, gehört zu den größten Herausforderungen einer Beziehung. Denn beide bringen ihre eigene Wohnbiografie mit, geprägt von Kindheit, Familie und bisherigen Wohnerfahrungen. Beim Zusammenziehen treffen also nicht nur zwei Menschen, sondern auch zwei Werte- und Wohnwelten aufeinander. Bevor das Paar also zusammenzieht, sollten sie offen über ihre Wohnbedürfnisse und Erwartungen sprechen: Was ist jedem wirklich wichtig? Wo sind Kompromisse möglich und wo nicht? Und wie schaffen sie es, Nähe und Rückzug gut auszubalancieren? Denn mit dem Zusammenziehen fällt der Rückzugsort der eigenen Wohnung weg.
Ist es grundsätzlich besser, zum Partner zu ziehen oder ist es einfacher, wenn beide wohnungstechnisch einen Neuanfang machen?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Wenn eine Person bereits eine Wohnung oder ein Haus hat und die andere dort einzieht, besteht die Gefahr, dass sich die zuziehende Person zu stark an den bestehenden Lebensstil anpassen muss und ein weniger selbstbestimmtes Wohnen umsetzen kann. In dieser Paardynamik wirkt dann häufig das Gastgeber:innen-(Host)-Prinzip und die zugezogene Person bleibt Gast in der Wohnung des anderen. Hier stellt sich die Frage: Wie kann eine gleichwertige Partnerschaft im Zuhause des/der anderen gelingen? Wie kann die Person, die dazu gezogen ist, sich den Raum ebenfalls zu eigen machen?

Fischbacher 1819 (Foto: Nathalie Krag)
Dafür ist es wichtig, die bestehende Wohnung gemeinsam neu zu gestalten und ihr Stück für Stück einen neuen Charakter zu geben. Ein gemeinsamer Neuanfang in einer Wohnung, die beide zusammen ausgewählt haben, ist in dieser Hinsicht oft einfacher. Gleichzeitig bringt diese Situation aber auch wieder eigene Herausforderungen und Themen mit sich.
Wer in ein neues Zuhause zieht, steht oft vor leeren Räumen, die es komplett einzurichten gilt. Meist werden sie aus Zeitmangel, oder um es „schnell hinter sich zu haben“, ohne großen Plan vollgestellt. Sie plädieren jedoch dafür, zuerst die Raumdynamik zu verstehen. Das bedeutet konkret?
Am Anfang steht das Verständnis für die Qualitäten der Räume: Wo befinden sich Türen und Fenster, und wie beeinflussen sie die Bewegungsabläufe? Welche Flächen stehen zum Bewegen und Einrichten zur Verfügung? Welche Blickbeziehungen nach außen entstehen? Wie wirken Licht, Raumaufteilung, Proportionen sowie das Verhältnis von offenen und geschlossenen Bereichen? Erst wenn diese Eigenschaften erkannt und verstanden sind, kann die „leere Bühne“ Raum für Raum gestaltet werden – passend zu den eigenen Wohnbedürfnissen und mit einer Balance aus Funktionalität und Harmonie.
Wie geht man dann konkret am besten vor, wenn man eine Wohnung neu einrichtet?
Bevor eine neue Wohnung eingerichtet wird, sollten neben den Wohnbedürfnissen und den Vorlieben folgende Fragen bewusst geklärt sein: Welche Atmosphäre soll der Raum vermitteln – hell und leicht oder eher ruhig und geborgen, sachlich und funktional oder inspirierend und lebendig? Welcher Wohn- und Einrichtungsstil entspricht dem eigenen Geschmack? Welche Farben, Materialien und Oberflächen schaffen die gewünschte Stimmung und passen zur eigenen Persönlichkeit? Sind diese Fragen geklärt, können die einzelnen Raumnutzungen festgelegt werden: Welcher Raum eignet sich für welche Funktion und wie unterstützt er den Alltag der Bewohner? Anschließend folgt eine Bestandsaufnahme: Welche Möbel sind bereits vorhanden, welche passen weiterhin zum neuen Konzept und welche Stücke sollen ergänzt oder neu angeschafft werden?
Gibt es aus Ihrer Erfahrung einen Raum, der besonders oft „falsch“ eingerichtet wird?
Das Schlafzimmer. Es ist der intimste Raum im Zuhause. Ein Ort für Erholung, Rückzug und Nähe und dennoch wird er häufig unterschätzt. In meiner Beratung begegnen mir oft Schlafzimmer, die gleichzeitig als Abstellraum oder Homeoffice genutzt werden. Bügelbrett, Koffer auf dem Schrank oder Fotokartons unter dem Bett machen aus ihnen nüchterne, multifunktionale Räume. Auch die Position des Bettes spielt eine wichtige Rolle: Steht es unter einer Dachschräge oder direkt zwischen Tür und Fenster, kann dies die Schlafqualität beeinträchtigen.

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