Lange galt sie als Relikt aus Großmutters Küche, urigen Kneipen oder Landgasthöfen. Jetzt kehrt die Eckbank mit neuem Look und Lieblingsplatz-Potenzial zurück in unsere Esszimmer und Küchen. Warum das so ist und wie man die platzsparende Sitzgelegenheit aus der Spießer-Ecke holt.

Ein paar Eckdaten

Die Eckbank ist jünger als ihr Ruf, aber älter als die Nachkriegszeit, in der sie hierzulande populär wurde. Manche verorten ihren Ursprung auf Schiffen, wo feste Sitzbänke an der Wand schlicht die platzsparendste Lösung waren. Andere sehen ihre Vorläufer in den Pariser Bistros des späten 19. Jahrhunderts, mit ihren gepolsterten Wandbänken. Wahrscheinlich ist beides ein Teil der Geschichte: Die eingebaute Sitzbank entstand überall dort, wo Platz knapp und Geselligkeit trotzdem gefragt war.

In deutschen Küchen wurde die Eckbankgruppe schnell zur Selbstverständlichkeit, da sie pragmatisch, platzsparend und familiär war. Optisch haftete ihr dabei meist ein Hauch rustikalen Landhausflairs an, der durch das Material der Wahl – Massivholz – unterstützt wurde. Was sie letztlich aus den Küchen verdrängte, war nicht mangelnde Funktionalität, sondern ein Stilwandel: Räume wurden geöffnet, wuchtiges Mobiliar verbannt und Küche, Ess- und Wohnbereich miteinander verbunden.

Essecke mit Bank FabianFreytag Berlin decohome.de

In einem Berliner Apartment kombinierte Interiordesigner Fabian Freytag ein Sottsass-Funierholz zu knalligem Blau

Warum gerade jetzt?

Der Wunsch nach mehr Zeit zu Hause hat verändert, wie wir Wohnräume denken. Homeoffice ist für viele dauerhafter Alltag, gleichzeitig hat das separate Esszimmer als Raumkonzept an Bedeutung verloren. Und dann wäre da noch der Platzmangel, der über all dem schwebt und Hybrid-Räume in den meisten Haushalten unumgänglich macht. Zugleich brachte die gewonnene Großzügigkeit durch das öffnen der Wohnräume eine Erkenntnis mit sich: es braucht Zonierungen, damit nicht alles miteinander verschwimmt.

Eckbank offene Kueche Tannehill Interiors decohome.de

Tannehill Interiors (Foto: Patrick Xiong / Styling: Samantha Tannehill, Oliver Rumney & Susan Van Tassel)

Auch die anhaltende Nostalgie im Interiordesign bringt die Sitzbank zurück in die Ecke. Denn in Zeiten, in denen gesellschaftliche Krisen als Dauerzustand wahrgenommen werden, wird die Einrichtung zur Bewältigungsstrategie: Man möchte sich verorten, Kontinuität spüren, an etwas festhalten, das sicherer wirkt als die Gegenwart. Ist die Eckbank womöglich das möbelgewordene Bedürfnis nach Zusammenhalt? Sie zwingt zu Nähe, schafft einen Ort, an dem man nicht zufällig nebeneinander sitzt, sondern es bewusst tut.

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Mosaictiles (Foto: Yohann Fontaine / Styling: Zyva Studio)

Was beim Einrichten zählt

Am besten funktioniert sie – wär hätt’s gedacht – in einer echten Nische, also am Fenster, in einer Raumecke oder zwischen zwei Küchenfronten. Je stärker der Eindruck entsteht, dass die Eckbank zum Raum gehört und nicht nachträglich hineingestellt wurde, desto stimmiger das Ergebnis. Das funktioniert zum einen durch einen nahtlosen Einbau, zum anderen durch Materialien und Farben, die bereits im Raum vorhanden sind.

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Constanze Ladner (Foto: Svetlana Shadrina)

Polster sind optional, aber unbedingt empfohlen. Abziehbare Kissenbezüge oder strapazierfähige In-/Outdoorstoffe machen die Polsterung dabei alltagstauglich. Beim Tisch gilt: rund oder oval schlägt eckig, weil sie die Ecke weicher wirken lassen, mehr Personen Platz finden und es beim Drumherumschlängeln weniger Gefahr für blaue Flecken gibt. In Sachen Materialen bleibt Holz die erste Wahl. Bei eingebauten Varianten bietet es sich außerdem an, die Bank aus dem gleichen Material zu fertigen wie die Küchenfronten. Das macht aus zwei Elementen ein kohärentes Ganzes. Wer beim Einbau einen Schritt weiterdenkt, nutzt den Raum unter den Sitzbänken außerdem als Stauraum: Schubladen oder aufklappbare Sitzflächen schaffen dort Platz für Töpfe, Vorräte oder Tischdecken.

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Auch in kleinen Küchen machbar

Wer wenig Platz hat, muss nicht auf eine Eckbank verzichten. Bereits auf einer Stellfläche von rund 200 x 150 cm, inklusive Tisch, lässt sich eine kompakte Variante realisieren: eine schmale L-Bank am Fenster, ein kleiner Tisch davor. Was optisch hilft, sind helle Farben, schlanke Tischbeine und, wenn die Wand es erlaubt, ein Spiegel, der den Bereich größer erscheinen lässt. Und wer sich doch noch unsicher ist, kann sich mit einer klassischen Sitzbank ans zusammenrücken herantasten.

Sitzbank Able Moraine decohome.de
Able Moraine founded by Mika Durrell (Foto: Jared Kuzia)
Sitzbank Able Moraine decohome.de
Sitzbank Veronique Cotrel Photo credit Christophe Rouffio 9276 decohome.de
Véronique Cotrel (Christophe Rouffio)
Sitzbank Veronique Cotrel Photo credit Christophe Rouffio 9276 decohome.de

Wer gleich sitzen bleiben will, findet →hier (Styling-)Ideen für das Sitzfenster.