Man muss etwas wagen. Sonst bleibt immer alles gleich“ – Im Gespräch mit Architektin Ester Bruzkus

Ester Bruz­kus ist eine mus­ter­gül­ti­ge Archi­tek­tin und zwei­fels­oh­ne eine der wich­tigs­ten Innen­ar­chi­tek­tin­nen Deutsch­lands. In unse­rem Inter­view für DECO HOME Aus­ga­be 1/19 spra­chen wir mit ihr über das Infra­ge­stel­len von Gewohn­hei­ten, Hotel­trends und die Regeln der Gestaltung. 

 

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Ester Bruz­kus

Frau Bruz­kus, Pri­vat­kon­zept ver­sus Hotel­kon­zept – Was liegt ihnen mehr?

Ich lie­be Hotels! Es war für mich zwar immer klar, dass ich Archi­tek­tin wer­den möch­te, aber ich hät­te mir auch eine Kar­rie­re in der Hotel­le­rie vor­stel­len kön­nen. Jetzt kann ich bei­de Inter­es­sen ver­bin­den. Gestal­te­risch kann man im Hotel mehr wagen, far­bi­ger sein und Mate­ria­li­en aus­pro­bie­ren. Man muss einer­seits im kleins­ten Raum den Klei­der­schrank, die Mini­bar, das Bade­zim­mer, das Bett, den Schreib­tisch und den Stuhl unter­brin­gen. Die öffent­li­chen Räu­me sol­len ande­rer­seits als Gesicht des Hotels maxi­mal reprä­sen­tie­ren. Und ich als Archi­tek­tin habe dabei alles in der Hand, weil ich bis zum letz­ten Buch alles aus­su­chen kann. Hotels haben zudem einen deut­li­che­ren Ein­fluss auf Men­schen. Der Gast über­denkt, wie er sich pri­vat ein­rich­ten möchte.

Das Hotel ist heu­te eine Inspi­ra­ti­ons­quel­le für das Private?

Das ist stark erkenn­bar und betrifft auch nicht nur das Pri­va­te. Wir haben kürz­lich eine Zahn­arzt­pra­xis unter der Prä­mis­se aus­ge­baut, dass der War­te­raum wie eine Hotel­lob­by wir­ken soll. Auch wenn wir Büros machen, las­sen wir uns von Hotels mit ihrer Auf­tei­lung in Public und Pri­va­te Spaces inspi­rie­ren. Es gibt Rück­zugs­or­te und sol­che, die kom­mu­ni­ka­tiv aber den­noch nicht laut sein sol­len. Das passt sehr gut. Sol­che Gedan­ken­mo­del­le hel­fen dabei, etwas Neu­es zu schaf­fen, wei­ter zu den­ken und sei­ne Gewohn­hei­ten infra­ge zu stellen.

Sie möch­ten Gewohn­hei­ten infra­ge stellen?

Mei­ne eige­nen und die der ande­ren, ja. Ich erle­be oft eine eher scho­ckier­te oder über­rasch­te ers­te Reak­ti­on auf mei­ne Arbei­ten. Erst mit der Zeit gewöhnt man sich. Ich habe in mei­ner Lauf­bahn häu­fig erlebt, dass Leu­te es nicht wagen, einen Schritt wei­ter­zu­ge­hen. Ich genie­ße es, dass man das im Hotel eher kann.

Ver­un­si­chert es, wenn die ers­te Reak­ti­on eher nega­tiv ist?

Nein, nicht wirk­lich. Denn ich möch­te nichts ent­wer­fen, was jeder schon kennt. Weil es dann schon bald wie­der hin­fäl­lig ist. Man muss etwas wagen und Din­ge tun, die nicht so aner­kannt sind. Sonst bleibt immer alles gleich und man schafft nichts Neues.

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Wei­che Mate­ria­li­en, war­me Far­ben und moder­ne Möbel ver­ei­nen sich in Ester Bruz­kus Wohnzimmer

Müs­sen denn Archi­tek­tur und Design pro­vo­ka­tiv sein?

Ich glau­be nicht, dass die Räu­me, die wir schaf­fen, pro­vo­ka­tiv sind. Aber es muss Ecken und Kan­ten geben, die Fra­gen auf­wer­fen. Es muss Span­nung erzeugt wer­den, wäh­rend aber das archi­tek­to­ni­sche Grund­ge­rüst har­mo­nisch und stim­mig bleibt.

Gab es einen Moment, in dem Sie das Gefühl hat­ten, ihren Weg gefun­den zu haben?

Ich hof­fe, dass das nie pas­sie­ren wird. Zum einen habe ich immer wie­der neue Ide­en und zum ande­ren bin ich ja nicht allei­ne, son­dern jeder im Team bringt sei­ne Geschich­ten und Visio­nen mit. Mir wird gesagt, dass ich eine Hand­schrift habe und sicher­lich gibt es Ent­wurfs­re­geln, denen wir fol­gen. Sobald jedoch das Pla­ne­ri­sche steht, stel­le ich die Din­ge und mich selbst immer wie­der infra­ge. Mein Ziel ist immer einen Schritt wei­ter­zu­ge­hen, denn es ist eine schreck­li­che Vor­stel­lung, dass ich die nächs­ten 30 Jah­re immer das­sel­be machen soll.

Das bedeu­tet auch, sich gezielt von sei­nem per­sön­li­chen Geschmack zu lösen.

Nicht unbe­dingt. Mein Geschmack ändert sich auch stän­dig. Wenn ich bei­spiels­wei­se umzie­he, las­se ich alles da und mache was ganz neu­es. Ich hän­ge an nichts. Vor zwei Jah­ren waren oran­ge und braun mei­ne Anti­far­ben, jetzt kann ich mir vor­stel­len, sie mal wie­der einzusetzen.

Wel­che Impul­se ändern Ihren Geschmack?

Vor allem sind es mei­ne Rei­sen. Ich habe oft das Gefühl, mehr Din­ge zu sehen als ande­re Men­schen. Ich muss zudem alles anfas­sen. Mein Büro schmun­zelt, wenn ich von jeder Rei­se mit hun­dert Fotos wie­der­kom­me, auch von Orten, die eigent­lich nicht so span­nend sind. Es gibt die­ses berühm­te Zitat von Jim Jar­musch, nach dem man sich von allem inspi­rie­ren las­sen soll, sei es die Natur, Film, Kunst, Archi­tek­tur oder der Him­mel. Er ruft dazu auf, zu steh­len und zitiert dabei Jean-Luc Godard, der dem Ursprung einer Idee weni­ger Bedeu­tung bei­misst als der Auf­ga­be, das Gestoh­le­ne zu etwas bes­se­rem zu bringen.

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Für ihr Apart­ment bekam Ester Bruz­kus den Best of Inte­ri­or Award von Callwey …
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Von der Inspi­ra­ti­on zu den gro­ßen Trends. Was liegt in punk­to Hotels in der Luft?

Immer mehr Hotels ver­zich­ten auf ihre Cor­po­ra­te Iden­ti­ty, nach der alle Häu­ser gleich aus­zu­se­hen hat­ten. Heu­te wird jeder Stand­ort von einem loka­len Archi­tek­ten unter Rück­sicht­nah­me der hie­si­gen Stim­mun­gen und Far­ben geplant. Man passt sich an das Gebäu­de und an die Geschich­te des Ortes an und möch­te der Glo­ba­li­sie­rung das Indi­vi­du­el­le an die Sei­te stellen.

Ist Design ein Erfolgsfaktor?

Aber kei­ne Garan­tie. Ich per­sön­lich mag es auch, in alt­ein­ge­ses­se­ne, gewach­se­ne Hotels zu gehen, weil sie eine ganz ande­re Bequem­lich­keit ver­mit­teln. Das Soho Grand in New York zum Bei­spiel ist ja nicht expli­zit visio­när designt und trotz­dem ein ein­zig­ar­ti­ger Ort. Auf der ande­ren Sei­te war ich gera­de im Mamil­la Hotel in Jeru­sa­lem, das von Pie­ro Lis­so­ni auf­wän­dig gestal­tet wur­de, und war eben­so begeistert.

Und wann ist Hotel­ar­chi­tek­tur am Ende gut?

Es kommt immer dar­auf an, wie viel Raum der Hote­lier dem Archi­tek­ten gibt und wie wenig Hotel­ex­per­ten mit­spre­chen. Pro­fes­sio­na­li­tät kann in die­sem Fal­le auch nach­träg­lich sein, weil es den Raum für Krea­ti­vi­tät schmä­lert und das Kon­zept ver­wäs­sert. Wenn der Archi­tekt gut ist, wird er alle wich­ti­gen tech­ni­schen Para­me­ter ohne­hin als ers­tes beher­zi­gen. Denn er weiß: Nur wenn die Hül­le stimmt, funk­tio­niert die Ein­rich­tung. Zum Schluss wäh­len wir jeden Stuhl und am liebs­ten auch das Geschirr. Und trotz­dem ent­wi­ckeln sich Räu­me, nach­dem wir sie fer­tig­ge­stellt haben, durch die Nut­zung wei­ter. Und das ist auch gut so. Gute Archi­tek­tur muss auch das ver­tra­gen können.

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Mar­mor und Samt defi­nie­ren die Bar im Wies­ba­de­ner Mer­cu­re Hotel

 
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Das Restau­rant L.A. Poke in Berlin

 
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Gemüt­li­che Ecke im Azi­mut Hotel in Moskau

Wel­che Regeln fol­gen Sie also bei der Gestaltung?

Wir betrach­ten zuerst das Gesamt­ob­jekt pla­ne­risch. Oft arbei­ten wir dabei mit Hoch­bau­ar­chi­tek­ten zusam­men und erstel­len gemein­sam den Fluss der Räu­me. Bei Hotels begin­nen wir mit dem Emp­fangs­be­reich. Das machen wir im Grund­riss. Dann zeich­nen wir die Schnit­te und sehen, was sich ergibt. Danach begin­nen wir mit dem Design gemäß unse­rer Visi­on, die sich initi­al durch das Gebäu­de, das Kli­en­tel, das spä­ter ein­keh­ren wird und den Ort ergab. Wich­tig ist dabei, dass es einen Roten Faden gibt, der von der Emp­fangs­hal­le bis ins letz­te Detail funk­tio­niert. Die­se Linie kann eine Far­be, eine Mate­ria­li­tät, eine Gra­fik oder etwas ganz ande­res sein. Den Roten Faden bei­zu­be­hal­ten ist womög­lich die größ­te Herausforderung.

Inwie­fern?

Weil man sie von der ers­ten Kon­zept­idee bis zum Ende stän­dig ver­tei­di­gen muss. Ein Pro­zess, der sich bei gro­ßen Pro­jek­ten über meh­re­re Jah­re hin­zie­hen kann. Das ist ein lan­ger Weg ent­lang der Aus­schrei­bung, der Kos­ten­kal­ku­la­ti­on, den Bau­fir­men, dem Timing und dem all­ge­mei­nen Interessengemenge.

Was macht einen guten Raum aus?

Es steht und fällt mit den Details und den Umgang mit Mate­ria­li­en. Wird mit Span­nungs­zu­stän­den gear­bei­tet? Man sieht, ob sich jemand über die­se Din­ge Gedan­ken gemacht hat, bevor gebaut wur­de. Es gibt weni­ge, sehr talen­tier­te Men­schen, die spon­tan auf der Bau­stel­le gute Ent­schei­dun­gen tref­fen kön­nen. Ich nicht, Ich muss alles pla­nen und dann die ein­zel­nen Schrit­te in der Umset­zung kon­trol­lie­ren. Und das funk­tio­niert nur, wenn der Auf­trag­ge­ber mit­geht. Andern­falls wird man kein gutes Ergeb­nis erzie­len, denn er muss die­sen Anspruch an alle Betei­lig­ten ver­mit­teln. Wenn bei­spiels­wei­se die Hand­wer­ker wahr­neh­men, dass dem Auf­trag­ge­ber die Aus­füh­rungs­qua­li­tät nicht ganz so wich­tig ist, ver­liert das gan­ze Pro­jekt sofort an Qualität.

Gibt es eine typi­sche weib­li­che Her­ans­ge­hens­wei­se in der Architektur?

Die einen hal­ten mei­ne Archi­tek­tur für männ­lich nüch­tern, die ande­ren fin­den sie weib­lich opu­lent. Ich glau­be, Stil hängt aus­schließ­lich vom Cha­rak­ter ab. Ich habe sicher Mut zur Far­be, aber das liegt nicht unbe­dingt dar­an, dass ich eine Frau bin, son­dern eher dar­an, dass ich schon früh im Stu­di­um dazu ermu­tigt wur­de. Mei­ne Pro­fes­so­rin hat­te zuvor für Luis Bar­ra­gàn gear­bei­tet, der bekannt für sei­ne groß­ar­ti­gen Umgang mit Far­ben ist. Gera­de letz­tes Jahr habe ich in Mexi­co City sei­ne Häu­ser besucht und gemerkt, wie mei­ne beruf­li­che Kar­rie­re von sol­chen Vor­bil­dern geprägt wur­de. So auch von Le Cor­bu­si­er, der die Außen­hül­len sei­ner Archi­tek­tur zuguns­ten der Frei­le­gung der Geo­me­trie zwar weiß gehal­ten, aber im Innern mit star­ken Far­ben gear­bei­tet hat. Das hat für mich immer Sinn gemacht.

www.esterbruzkus.com

Inter­view: Fre­de­ri­cke Wink­ler, erst­mals erschie­nen in DECO HOME 1/19

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