6 Fragen an das Designerpaar Studio Gam Fratesi

In den Entwürfen von Stine Gam und Enrico Fratesi trifft italienische Tradition auf dänischen Purismus. Ein Gespräch über kulturelle Differenzen und den Wert von Stoffen.

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Stine Gam und Enrico Fratesi sind Studio Gam Fratesi – beide studierte Architekten, die allerdings noch nie ein Haus gebaut haben. (Foto: Patricia Parinejad)

Wie passt dänisches Design zum italienischen?

Überhaupt nicht (beide lachen). Es war nie unser Ziel, eine dänisch-italienische Firma zu gründen. Es ist einfach, was wir sind. Und das bringen wir auf den Tisch. Wir leben in Kopenhagen und auch unsere Designsprache ist eher skandinavisch: in der Schlichtheit, Ehrlichkeit, den Materialien.

Seitens vieler Architekten scheint es Vorbehalte gegenüber Stoffen zu geben, gerade bei moderner Bauweise. Warum ist das so?

Wir verwenden sehr, sehr viele Textilien: Möbelbezüge, Vorhänge – wir lieben Stoffe! Sie verleihen dem Interieur auf ganz natürliche Weise einen Wert. Zum Beispiel lässt sich eine starke Farbe einbringen, die trotzdem nicht einnehmend wirkt. Außerdem verbessern sie die Akustik, die ganze Atmosphäre. Stoff hat so viele Qualitäten. Und er wirkt nicht, als würde man etwas hinzufügen, nur um etwas hinzuzufügen.

 

„Meiner Meinung nach verstehen die Dänen es besser, sich auf die Perspektiven der neuen Welt einzulassen“ (Enrico Fratesi)

 

Enrico, was mögen Sie am skandinavischen Design?

Die Skandinavier haben einen besonderen Ansatz, eine Energie. Nicht dass die Italiener keine hätten. Aber in Skandinavien herrscht eine positive Einstellung wie im zweiten Golden Age des Möbeldesigns. Die Akteure sind erfolgreich, energiegeladen, sehr jung. Italien hatte diesen Generationenwechsel nicht. Die ältere Generation regiert noch immer mit der gleichen Mentalität und das steht neuen Dingen häufig im Weg. Meiner Meinung nach verstehen die Dänen es besser, sich auf die Perspektiven der neuen Welt einzulassen. Die Italiener schauen eher zurück. Das finde ich problematisch.

Als Italiener bin ich dankbar, früh von den Skandinaviern gefördert worden zu sein. Aber die junge Generation hat es schwer. Wenn ein junger Däne in einem Café arbeitet, kann er ein gutes Leben haben, das es ihm erlaubt, optimistisch zu sein. Vielleicht ist dieser Optimismus die beste Qualität, um etwas zu entwerfen.

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Stine, was mögen Sie besonders am italienischen Design?

Die leidenschaftlichen Menschen. Ich bin fasziniert von dem Stolz, der einem überall in den Manufakturen begegnet. Egal wie weit man in der Wertschöpfungskette zurückgeht, jeder Einzelne fühlt sich geehrt, ein Stück von etwas erschaffen zu dürfen. Die Italiener geben immer alles, die Lösung für ein Problem zu finden, um etwas zum gewünschten Ergebnis zu bringen. Das Handwerk an sich ist in Dänemark nicht so präsent.

Was empfinden Sie momentan als die größten Herausforderungen von Design und Architektur?

Wir glauben, die Idee von Intimität, einer besonderen Weichheit, ist besonders wichtig. Selbst in einem Showroom. Jeder Ort muss ein gutes Gefühl hervorrufen. Das ist Teil unserer Philosophie.

Ein letztes Statement bitte: Stoffe sind …

Da müssen wir sofort an unsere Masken-Installation in Mailand für den dänischen Hersteller Kvadrat denken. Weil der Stoff die Maske eines Produkts ist. Er verändert immer die Wirkung. Das kann theatralisch sein, verspielt oder dramatisch. Er ist die letzte Schicht, die man aufträgt, und sie bestimmt die Persönlichkeit.

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www.gamfratesi.com

Dieses Interview ist erstmals im Kvadrat Guide, einem DECO HOME Beileger, erschienen. Hier können Sie die aktuelle Ausgabe durchblättern.

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