Textil-Talk: 3 Fragen an Designerin Hella Jongerius

Wir tra­fen die nie­der­län­di­sche Desi­gne­rin Hel­la Jon­ge­ri­us und spra­chen mit ihr über die Arbeit mit Gar­nen und Far­ben, fal­sche Vor­stel­lun­gen und die Bedeu­tung von Textilien.

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Hel­la Jon­ge­ri­us umge­ben von Tep­pich­ent­wür­fen für das däni­sche Textilla­bel Kvadrat.

Sie sind bekannt für die Auseinandersetzung mit Farben. Wie beurteilen Sie Textilien in diesem Zusammenhang?

Ich fin­de tex­ti­le Gewe­be gehö­ren zu den schwie­rigs­ten Mate­ria­li­en im Umgang mit Far­be. Das liegt vor allem an ihrer Beschaf­fen­heit: Da immer ein Garn über dem ande­ren liegt, gibt es kei­ne glat­te oder ein­heit­li­che Flä­che. Die end­gül­ti­ge Far­be ergibt sich also aus dem opti­schen Mix von über­ein­an­der lie­gen­den Fasern, wel­che nie hun­dert­pro­zen­tig iden­tisch sind. So ent­ste­hen immer wie­der unter­schied­li­che Nuan­cen. Man muss jedes Mal zwei bis drei ver­schie­de­ne Farb­kom­bi­na­tio­nen tes­ten, um das per­fek­te End­ergeb­nis zu bekommen.

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Die­se gefärb­ten Gar­ne wer­den spä­ter zu Tep­pi­chen ver­wo­ben. Foto: Roel van Tour

Es ist sehr anspruchs­voll den genau­en Farb­ton vor­her­zu­sa­gen, auch für mich – und das obwohl ich seit 20 Jah­ren mit Tex­ti­li­en arbei­te. Aber ich mag Her­aus­for­de­run­gen! Außer­dem ist es sehr span­nend zu sehen, dass man­che Gewe­be auf­grund ihrer Mate­ri­al­zu­sam­men­set­zung bei­spiels­wei­se in Rot über­haupt nicht wir­ken, dafür aber in einem ande­ren Ton umso bes­ser. Die Kür ist es, eine Nuan­ce zu fin­den, die das Gewe­be am bes­ten wider­spie­gelt. Das macht die Arbeit mit Tex­ti­li­en so beson­ders für mich.

Sie haben sich kürzlich dagegen ausgesprochen, dass Polsterstoffe endlosen Testprozeduren unterzogen werden – wie wäre Ihre Idealvorstellung im Umgang mit Textilien?

Gera­de bei Stof­fen wer­den Unmen­gen von Che­mi­ka­li­en ein­ge­setzt, um sie wider­stands­fä­hig und markt­taug­lich zu machen – eine unver­hält­nis­mä­ßi­ge Ver­schmut­zung! Gar­ne kön­nen auch ohne Che­mie weich wer­den, denn eigent­lich zer­stört die­se das Mate­ri­al. Dafür soll­te drin­gend ein Bewusst­sein geschaf­fen wer­den. Aber dazu muss man den Men­schen erst mal bei­brin­gen was Stoff ist: wie setzt er sich zusam­men, wie fühlt er sich in sei­ner Ursprungs­form an. Der Groß­teil ist an die Gewe­be der Fast-Fashion oder güns­ti­ger Möbel­ket­ten gewohnt und kann mit natür­li­chen, unbe­han­del­ten Tex­ti­li­en gar nichts mehr anfangen.

Man muss den Menschen erst mal beibringen, was Stoff ist!“

 

Genau­so klam­mern sie sich an ver­zicht­ba­ren Optio­nen wie der Wasch­bar­keit fest. Immer wie­der höre ich, dass ein Bezugs­stoff wasch­bar sein muss. Wenn ich die Men­schen aber fra­ge, wie oft sie ihren Sofa­be­zug schon gewa­schen haben, stellt sich her­aus: kein ein­zi­ges Mal!

Wir müs­sen uns davon los­lö­sen immer auf die Optio­nen zu bestehen. Im Gegen­satz zur Mode­welt glau­be ich aber, dass wir beim The­ma Ein­rich­tungs­stof­fen und Tep­pi­chen noch die Mög­lich­keit haben, etwas zu ändern und ein neu­en Blick für Tex­ti­li­en zu schaffen.

 

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Hel­las Ste­cken­pferd: Die rich­ti­ge Farb­wahl. Foto: Roel Van Tour

 

Unsere Welt wird immer digitaler – deshalb brauchen wir dringend die Optik und Haptik von Stoffen!“

 

Wie wichtig sind Textilien?

Ich star­te im nächs­ten Jahr einen Mas­ter-Work­shop, der sich mit dem Weben von Tex­ti­li­en beschäf­tigt. Ich habe lei­der das Gefühl, dass wir die­se Fähig­kei­ten ver­lie­ren. Ich möch­te eine Com­mu­ni­ty bil­den, die sich wie­der mit dem The­ma aus­ein­an­der­setzt. Unse­re Welt wird immer digi­ta­ler – des­halb brau­chen wir die Optik und Hap­tik von Stof­fen umso drin­gen­der. Sie berei­chern unse­re phy­si­sche Welt auf eine beson­de­re Weise.

Mein Vor­teil ist, dass ich aus der Indus­trie kom­me. Die Men­schen wis­sen: Wenn ich mich mit etwas beschäf­ti­ge, ist das kei­ne Nische – son­dern etwas von Bedeu­tung. Und sie wer­den neu­gie­rig. Als ich mei­ne Arbeit mit Far­be begann, waren vie­le zu Anfang sehr skep­tisch. Jetzt habe ich ihre Auf­merk­sam­keit! Ich hof­fe und glau­be das gelingt mir auch mit dem Textilien.

 

Noch mehr Ein­bli­cke in Hel­la Jon­ge­ri­us Arbeit gibt es im unten ange­häng­ten Making Off Video zur Tep­pich-Kol­lek­ti­on von Kva­drat oder in unse­rem Arti­kel über ihre Instal­la­ti­on in der neu­en Samm­lung Mün­chen. Dort stellt sie sich der Fra­ge: Gibt es noch Neue­run­gen im Design und braucht die Welt stän­dig neue Stuhl-Entwürfe?

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