Raus ins Rheinland: Wie man Farben und Tapeten geschickt inszeniert

Ingo Stein – Einrichter, Shopbesitzer, Wohnextremist und stolzer Besitzer eines Landhauses. Wenn man ein dreistöckiges, zart-rosafarbenes 30er-Jahre-Anwesen irgendwo vor Köln so nennen kann …

Sehr lange lebte Ingo Stein in der Kölner Innenstadt. Doch irgendwann entschied er sich für ein neues Leben im Speckgürtel. Was besser ist als vorher? „Einfach alles!“, platzt es enthusiastisch hervor. Stimmiger sei es, ein wenig klassischer. „Viele sagen, mein Stil ist erwachsener geworden. Das finde ich doof. Ich arbeite mehr mit klassischen Elementen, weil ich das Ganze nicht alle fünf Jahre neu machen will.“

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Außerdem sei jetzt endlich Platz für sämtliche Gläser, Vasen, Leuchten, Affen und Papageien, die jahrelang in Kartons des großen Auftritts harrten. Ingo Stein sammelt Porzellan und Tierfiguren wie andere Leute Kunst. Für sein Privatgehege herrscht allerdings gerade ein selbst auferlegter Einstellungsstopp: wegen Überfüllung leider geschlossen. Eines jeden sammelwütigen Ästheten Glück ist, wenn er ein zweites Haus besitzt, in dem er neu erstandene Schätze unterbringen und noch dazu feilbieten kann.

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Im Zuge des persönlichen Ortswechsels verlegte Stein seinen Laden aus bester Innenstadtlage ins ländliche Overath und nannte ihn fortan My Zoo – Haus 11. Jeden ersten Samstag im Monat öffnet das „Concept House“ seine drei Etagen für Spontanbesucher. An allen anderen Tagen braucht man einen Termin, hat dafür Ingo zwischen selbst entworfener Mode und im wahrsten Sinne voll eingerichteten Räumen ganz für sich allein.

Außer der Freizeit, die der Einrichter zehn Jahre lang nicht hatte, gewährt der neue Laden die ein oder andere Freiheit: Ist gerade keine Kundschaft angemeldet, besetzt er das private Atelier im obersten Stockwerk und schneidert Mode aus Interiorstoffen oder neuerdings auch Patchwork-Tagesdecken. Wird etwas nicht fertig, „lass ich’s einfach liegen“. Und lebt damit den Traum von DIY-Liebhabern auf der ganzen Welt.

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Doch was traumhaft klingt, ist hart erarbeitet. Beide Häuser wurden parallel entkernt und das meiste selbst erneuert. Weniger durchdacht war die Entscheidung, noch vor dem Umbau einzuziehen und eineinhalb Jahre inmitten einer Baustelle aufzuwachen. Erfreulicherweise gehört Prokrastination nicht ins Stein’sche Lebensrepertoire, und so perfekt verrückt es heute bei ihm aussehen mag – manche Ideen brauchen mehrere Anläufe: „Wenn man sich zwei bis drei Jahre täglich in einem Raum aufhält, können auch mal zwei oder drei Tage zum Streichen investiert werden.“

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Grundsätzlich helfe dem Mut-Willigen aber selten, sich zu lange umzusehen, und damit Zeit zu haben, unsicher zu werden. Der erste Impuls, die ähnlich oft gerühmte wie gerügte Bauchentscheidung, liege zumindest bei der Heimgestaltung meistens richtig.

Es mag historisch bedingt sein, dass die beliebtesten Farben hierzulande – wenn Verkaufszahlen dieser Wertung zugrunde gelegt werden – noch immer Weiß, Beige, Grau oder gar Greige sind. Farbfanatiker Stein sinniert: „Die Deutschen wollen immer auf Nummer sicher gehen und alles richtig machen. Viele sorgen sich zu sehr um den repräsentativen Wert ihrer Einrichtung und stufen sich selbst damit zurück.“

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Auch sei es ein verquerer Anspruch, dass alles eine gute Qualität haben, lange halten und schnell fertig sein muss, aber dafür nicht viel kosten darf. Dabei leben wir in einem der wenigen Länder, in dem Handwerksbetriebe mit zum Teil jahrhundertealtem Wissen überhaupt noch existieren.

Doch der Interiorprofi sieht uns auf einem guten Weg, fühlt sich in seinem eigenen Handwerk immer mehr geschätzt. „Ich glaube, der Trend geht weg von diesem kühlen, klaren Designzeug. Jetzt ist wieder Atmosphäre angesagt: Muster, verspielte Sachen, Stofflichkeit, Haptik, Wohlfühlen und ein bisschen Opulenz.“ Und fügt verschmitzt hinzu: „Also alles ganz zu meinen Gunsten.“

Fotos: Sabrina Rothe

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